| 5. Juli - Do |
| Beginn: 20:30 |
| Spieldauer: ca. 90 Minuten (ohne Pause gespielt) |
Schauspiel nach Friedrich Hebbel
Gespielt und inszeniert von Studierenden des Max Reinhardt Seminars
Diplomarbeit von Holle Münster (Regie)
Zu diesem Stück wird vor Beginn der Vorstellung eine kurze Einführung gegeben.
aktuelle Zeitungsberichte
- Kronen Zeitung, 23.6.2012
- Der Standard, 22.6.2012
Holle Münsters junge ungewöhnliche Inszenierung beginnt mit dem Ende von Hebbels “Nibelungen” auf einem Fest, zu dem Kriemhild und ihr zweiter Ehemann, König Etzel, geladen haben. Viele Jahre nach Siegfrieds Tod wird nun für das Publikum die mörderische Geschichte noch einmal von den Protagonisten selbst erzählt und wiedererlebt. Doch bleiben sie alle - Kriemhild, König Gunther von Burgund, Hagen von Tronje, Brunhild, Dietrich von Bern, der Hunnenkönig Etzel und der Spielmann Volker - Gefangene ihrer eigenen Erinnerungen und Wahrheiten. Und dabei werden wir Zuschauer mit allen Mitteln als Komplizen zu gewinnen versucht.
Aber weil sich hier “Schuld in Schuld zu fest verbissen” hat, endet diese Erzählung mit einem großen Gemetzel; wahrscheinlich ganz so, wie sich Kriemhild den (Fest-)Tag der Rache ersann.
Mit
Felix von Bredow
Katharina Breier
Christian Erdt
Valerie Pachner
Sebastian Schmeck
Tim Tonndorf (Prinzip Gonzo)
Regieassistenz: Mirela Baciak
Bühne und Kostüm: Thea Hoffmann-Axthelm
Musik: Bernhard Eder

“Sag nur an, wie ich die deinigen begrüßen soll!”
Diese Aufforderung richtet der Hunnenkönig Etzel an seine Frau Kriemhild und deutet dabei auf das Publikum. Das Publikum, das sind die Gäste des Sonnenwendfestes, das in einem großen weißen Zelt stattfinden soll. Die anderen Gäste sind König Gunther von Burgund mit seiner Frau Brunhild, sein treuer Diener Hagen, der Spielmann Volker.
Dass dieses Fest unter keinem guten Stern steht, wissen alle, nicht nur der von Vorahnungen geplagte Dietrich von Bern. Und doch hofft ein jeder, dass Kriemhild, die Gastgeberin, vergessen oder verziehen haben könnte, was vor vielen Jahren geschah:
Es begann im Schloss zu Worms, als der Spielmann Volker von der unbezwingbaren Brunhild von Isenland sang. Augenblicklich war für König Gunther klar, dass diese Frau seine Königin werden müsse. Kurz darauf erreichte Siegfried von Xanten, bekannt als der Balmungschwinger und Drachentöter, den Wormser Hof. Als Siegfried die schöne Kriemhild, des König Gunthers Schwester, sah, verliebte er sich augenblicklich in sie. Daraufhin wurde zwischen Gunther und Siegfried ein geheimer Handel geschlossen: Siegfried sollte Brunhild mithilfe der Nebelkappe im Kampf besiegen und würde dafür Kriemhild bekommen. So geschah es: man holte Brunhild aus Isenland und feierte Doppelhochzeit.
Siegfried sollte nun aber für Gunther die widerspenstige Brunhild auch noch im Ehebett überwinden. Dabei hatte er aus Versehen ihren Gürtel mitgenommen, der in Kriemhilds Hände gelang, welche daraufhin von Siegfried die ganze Wahrheit erzwang. Im Streit zwischen Kriemhild und Brunhild, der durch Neid, Eifersucht und Angst vor Ehrverlust angeheizt war, verriet Kriemhild das Geheimnis, wie Brunhild um ihr Schicksal betrogen wurde. Daraufhin forderte Brunhild den Tod Siegfrieds. Hagen, Gunthers treuer Diener und erfahrener Staatsmann, hielt es für die einzig richtige Lösung, dem Wunsch seiner Königin nachzukommen. Von Kriemhild erfuhr er, wo der Held Siegfried nicht vor dem Feind geschützt war: denn als er im Drachenblut badete und seine Haut unverwundbar wurde, fiel ein Lindenblatt zwischen seine Schultern, und nur dort blieb er verletzbar.
Auf der Jagd tötete Hagen dann den Mann, den Kriemhild über alles liebte. Sie forderte Gericht über Hagen, welches Ihr durch Gunther verwehrt blieb.
Beim erneuten Aufeinandertreffen nach 17 Jahren wird sehr schnell klar, dass Kriemhild noch immer Rache will, und von ihrem Bruder Gunther das Haupt Hagens fordert.
Da Hagen nun aber vor dem Publikum Kriemhild als die eigentlich Schuldige anklagt, besteht Kriemhild darauf, dass man doch die gesamte Geschichte aufrollen müsse…
Die Inszenierung von Holle Münster beginnt mit dem dritten Teil von Hebbels “Nibelungen”. Die Vorgeschichte, das heißt Teil I und II, wird nun von den Figuren nacherzählt und re-inszeniert. Durch die Darstellung des Erinnerten soll nun der wahre Schuldige ermittelt werden. Während dieses Schauspiel ständig in ein Gemetzel zu kippen droht, wird das Publikum zu verführen versucht: sie buhlen mit Humor, Charme und Musik. Denn letztlich geht es allen darum als Held in die Geschichtsbücher einzugehen. Der Held und eigentliche Protagonist des Abends, Siegfried, ist nun aber tot. Er bleibt eine Lehrstelle und wird von allen Beteiligten zeitweise dargestellt, als Zeichen dient dabei sein Schwert. Unter anderem wird damit das persönliche Recht umkämpft, jeder verteidigt seine eigene Wahrheit. Und eben dies zeigt die Gewalt, Maßlosigkeit und Blindheit gegenüber den Anderen. In seltenen Momenten der Eintracht vergessen die Erzfeinde, was sie antreibt und man kann ihnen dabei zusehen, wie sie beim Theaterspielen gemeinsam eine Geschichte erzählen. Doch das Theater bleibt Utopie, da niemand vom Kampf lassen will oder kann, denn wie Siegfried sind sie alle verwundbar und leiden unter ihren Verletzungen.
Diese Inszenierung bewegt sich ständig zwischen den Erzählebenen der Realität und Fiktion und den Zeitebenen der Gegenwart und Vergangenheit. Über das Erinnern, Versatzstücke am Kostüm und Zitate in der Musik verweist diese Arbeit immer wieder darauf, dass das kollektive Gedächtnis diesen Mythos bereits seit über tausend Jahren weiterträgt.
Am Ende ist es wieder Dietrich von Bern vorbehalten zu konstatieren: “Hier hat sich Schuld in Schuld zu fest verbissen, als dass man noch zu einem sagen könnte: Tritt du zurück! Sie stehen gleich im Recht.”
Und dann endet der Mythos, wir erinnern uns, in einem blutigen Gemetzel…
Fotos: Forster